Ethische Gesichtspunkte zur Seidenzucht

Die Seidengewinnung hat ihren Ursprung in China, wo Seide bereits um ca. 2800 v. Chr. produziert worden sein soll.

Die größte Bedeutung unter den seide-spinnenden Insekten kommt dem Echten Seidenspinner  Bombyx mori L. zu. Um Qualitätsseide zu erhalten, müssen Seidenraupen unter besonderen Bedingungen auf-gezogen werden.

800px-Bombyx_mori_001Die Seidenraupe des Bombyx mori wird seit knapp 5000 Jahren in China auf Tabletts mit Maulbeerblättern (daher der Name „Maulbeerseidenspinner“) gezüchtet. Lange vor der Entstehung des Römischen Reiches, als in Europa die Volksstämme noch in primitiven Hütten hausten, wurde die Seidenraupe bereits vollständig domestiziert. Seit Jahrtausenden kann sie nicht ohne menschliche Fürsorge und Fütterung überleben. Es gibt keine wilden Maulbeerseidenspinner oder Falter, die in der Wildnis leben.

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Durch die Jahrtausende der Aufzucht in Gefangenschaft entwickelte sich der Seidenspinner Bombyx mori zu einem blinden Falter, der nicht fliegen kann und nur wenige Tage lebt. Während dieser Zeit legt er ungefähr 400 Eier und stirbt nach vier bis fünf Tagen. Der Falter hat keine Fresswerkzeuge und kann kein Futter zu sich nehmen.

Die Seidenraupe spinnt ihren Kokon ungefähr während 5 Tagen und verbraucht dabei einen großen Teil ihrer Körpermasse. Dann beginnt die Puppenruhe und nach ca. 10 bis 15 Tagen schlüpft der Falter aus.

An dieser Stelle greift der Mensch ein und unterbricht die Metamorphose der Puppe von der Raupe zum Falter.

butterfly white of silkworm silk worm isolatedZur Gewinnung der Rohseide werden die Kokons etwa 10 Tage nach ihrer Fertigstellung durch die Seidenraupe in heißes Wasser oder Heißdampf gegeben, um das Sericin, den Seidenleim, zu lösen und den Seidenfaden abzuwickeln. Es kann ein bis zu 1500 m langer Endlosfaden von einem Kokon gewonnen werden.

Und an dieser Stelle scheiden sich auch die Geister, ob dieser Prozess als das Töten von Tieren zu werden ist oder nicht. Zum einen geben sich die Seidenraupen vollständig auf, indem sie den Kokon spinnen und als Seidenraupe nicht mehr weiterleben. Zum anderen würde ohne weitere Eingriffe ein Falter aus der Raupe entstehen können. Der Mensch sorgt für das Leben und eine gesunde Entwicklung der Seidenraupe, die einen wunderschönen Seidenfaden spinnt und dem Menschen als Dank überlässt. Dankbarkeit oder Respektlosigkeit vor dem Leben der Seidenraupe – Die Empfindungen dafür sind unterschiedlich.

Die Entscheidung, die „richtige“ Seide zu verwenden, steht jedem frei, denn es gibt auch Ahimsa-Seide.

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Die Alternative zur konventionellen Fadengewinnung (in der Hauptsache in China und Brasilien) stellt die Verwendung der Seidenfasern von Kokons dar, aus denen der Falter geschlüpft ist und sein Leben von sich aus beendet hat. Diese Methode findet man hauptsächlich in Indien. Beeinflusst durch die Tradition der Wildsammlung von Kokons in den Eichenwäldern Indiens und die Philosophie der Gewaltlosigkeit u.a. Mahatma Gandhis gibt es viele Projekte in den ländlichen, meist armen Regionen der indischen Staaten, die Seidenzucht „non-violent“ (gewaltfrei) zu betreiben.

Hauptsächlich kommen zwei Methoden des Nicht-Verletzens (sanskrit: ahimsa) zur Anwendung. Zum einen werden die Kokons der Seidenraupen erst verarbeitet, wenn der Falter geschlüpft ist. Der Kokon wird von dem Falter durch körpereigene Flüssigkeiten aufgelöst. Es wird ein Loch hinein geätzt, durch das der Falter entfliegen kann. Der Kokon ist also beschädigt und es ist nicht möglich, einen Endlosfaden abzuwickeln. Die relativ kurzen Fadenstücke müssen erst versponnen werden, um eine Weiterverarbeitung (in der Weberei) zu ermöglichen. Nach dieser Methode sind auch die traditionellen Wildseidenstoffe aus Tussahseide entstanden.

Cocoons_tussah_rot3Heutzutage wird Tussahseide jedoch nicht nur durch Wildsammlung von Kokons gewonnen, sondern meist – wie beim Maulbeerseiden-spinner – in Seidenzuchtprojekten. Wildseide gleich Tussahseide gilt also nicht mehr.

Bei der Tussah-Seidenzucht des Japanischen Eichenseidenspinners Antheraea yamamai ist es möglich, die fertig gesponnenen Kokons mit einem kleinen Schnitt zu versehen und sie anschließend weiterhin in der Dunkelheit ihrer natürlichen Entwicklung zu überlassen. Der Tussahfalter „entdeckt“ das für ihn geschaffene Loch und entschlüpft, ohne den Kokon weiter zu beschädigen. Diese Methode der Seidenfasergewinnng ist effektiver in Bezug auf die Qualität der Seidenfasern und lässt den Falter überleben.

800px-Antheraea_yamamai_-_male_1_(HS)Die so gewonnene Seide wird als Ahimsa-Seide oder englisch als „peace silk“ bezeichnet.

In Jharkhand/Indien wird Tussahseide nach ökologischen und biologischen Grundsätzen gezüchtet, die eine Zertifizierung nach EU 834/2077 bzw. GOTS besitzt.

Weitere Informationen:

Biologisch-dynamisches Seidenzuchtprojekt SABA (PDF)…

Projekt Cocccon Jharkhand (PDF)…

Organic silk Jharkhand (PDF)…

EU-Verordnung EC 834/2007 (PDF)…

Global Organic Textile Standard (Website)…

(c) Dr. Matias Langer 2013

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